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Zwei Monate – Eine Kurzgeschichte von Lisa Rohmeyer
 
Ich glaube, es ist nicht meine beschissene Krankheit, sondern dieser ekelhafte Krankenhausgeruch, der mich früher oder später umbringen wird. Die Ärzte sagen, dass ich mich schnell daran gewöhnen werde. Doch das will ich gar nicht. Ich glaube, wenn ich mich mit allem abfinde, ist es so, als wäre ich bereit zu sterben. Also liege ich lieber hier in meinem Krankenbett und lausche der Herz-Lungen-Maschine so lange ich noch kann. Ich bin zwar nicht bereit zu sterben, aber ich weiß, dass ich es in spätestens zwei Monaten tun werde. Zwei mickrige Monate geben sie mir noch Zeit. Dann ist Schluss. Ich habe zwei Monate, in denen ich doch noch eine lang ersehnte Knochenmark-Transplantation bekommen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender zu finden, gleicht der Größe eines Sandkorns. Seit ich im Krankenhaus liege, gibt es für mich nur noch drei verschiedene Tage. Den guten Tag, den normalen Tag und den depressiven Tag. An den guten Tagen bin ich gut gelaunt und schaffe es, meine Krankheit auszublenden. Dann sind da die normalen Tage, an denen die ganzen Medikamente und Untersuchungen so alltäglich wirken. Und zum Schluss kommen die depressiven Tage, an denen ich einfach nur heulen könnte, wenn ich nicht zu schwach dazu wäre.
 
Heute ist ein normaler Tag. Gleich ist es 7:30 Uhr. Jeden Morgen um 07:30 Uhr kommt Daniela, begrüßt mich fröhlich, prüft ein paar Werte und sagt mir, dass noch kein passender Spender gefunden wurde. Um 08:00 Uhr bringt sie dann das Frühstück und die ersten Tabletten. Das sind immer zwei rote, eine blaue und jeden zweiten Tag noch eine grüne Tablette. Plötzlich reißt Daniela mich aus meinen Gedanken. „Guten Morgen, Anna. Wie geht es dir denn heute?“ Mit dieser Frage hat sie es geschafft, meinen normalen Tag in einen depressiven zu verwandeln. „Wie soll es mir schon gehen?“, sage ich leicht gereizt, „ich habe Läukemie und mir bleiben noch zwei Monate.“ „Oh Anna“, unterbricht sie mich. „Nein! Nicht „Oh Anna“! Ich werde sterben. Da ist etwas in mir, was die Macht hat, mich jeden Moment zu töten. Und du fragst noch, wie es mir geht?! Scheiße geht’s mir.“ Ich beginne zu weinen und Danielas Augen werden glasig. Mit letzter Kraft drehe ich mich um, sodass mein Rücken zu ihr zeigt. Ich höre, wie sie das Zimmer verlässt. Der Krebs macht mich manchmal unausstehlich. In diesen Momenten spricht die sterbende Anna und nicht ich. Jetzt brechen die Tränen nur so aus mir heraus.
Ich habe das Gefühl, dass die letzten Tage völlig an mir vorbeigezogen sind. Dabei sind sie so wertvoll. Wie soll ich meine letzten Tage genießen, wenn im Krankenhaus immer alles so langweilig und eintönig ist. Alle Wände sind grau-blau angestrichen. Die Ärzte tragen immer die gleichen Klamotten und meine Mutter kommt jeden Tag zur selben Uhrzeit für zwei Stunden vorbei. Mein Vater ist leider keine große Hilfe im Kampf gegen den Tod. Er hat ihn selber vor vier Jahren verloren. Mit dem Tod meines Vaters komme ich mittlerweile klar. Meine Mutter ist das größere Problem. Ich habe das Gefühl, sie sieht immerzu meinen Vater in mir. Als er gestorben ist, war ich 13 Jahre alt. Ich habe meiner Mutter damals versprochen, sie nie zu verlassen und immer für sie da zu sein. Und jetzt liegt der nächste Mensch, den sie liebt, auf dem Sterbebett. Als ich gerade darüber nachdenke, wie meine Mutter nach meinem Tod leben wird, kommt sie zur Tür hinein. Sie hat mein Mittagessen in der Hand und grinst. Sie hat das alles nicht verdient. „Hey Schatz. Das hat mir diese Schwester Daniela in die Hand gedrückt. Sie meinte, sie müsse dringend etwas mit deinem Arzt besprechen.“ Langsam stellt sie mir das Tablett hin. Jetzt wurde ihr Blick ernst. „Paula und die anderen hatten heute ihre letzte Abi-Prüfung. Ich hab Paulas Mutter heute beim Einkaufen getroffen.“ Ich verdrehe nur die Augen. Paula war meine beste Freundin. Die ersten Tage hat sie mich noch besucht, doch das hörte schnell auf. Ich habe kein Abi und ich werde es auch nie machen. Ich hatte schon Pläne. Nach dem Abi hätte ich ein Auslandsjahr in Amerika gemacht. Dann wäre ich wiedergekommen und hätte in München Medizin studiert. Schon witzig, oder? Zukünftige Medizin-Studentin stirbt an Krebs.
Daniela reißt mich aus meinen Gedanken. Sie ist total außer Atem. „Hallo Frau Kling, hallo Anna,“ schnauft sie, „ich habe gerade mit dem Arzt gesprochen. Wir glauben, wir haben einen potentiellen Spender.“ Sofort wirft meine Mutter sich auf mich und drückt mich ganz fest. Ich kann es gar nicht glauben. Vielleicht darf ich doch leben.
Heute schlucke ich ein letztes Mal zwei rote, eine blaue und eine grüne Tablette. Morgen bekomme ich die Spende. Gerade war Daniela da und hat mich gefragt, ob ich aufgeregt bin. Hallo? Natürlich bin ich aufgeregt. Morgen schenkt mir jemand ein neues Leben. „Na? Schon aufgeregt?“ Es ist mein Arzt Dr. Heinze. „Ich wollte dich nur darüber aufklären, dass die Möglichkeit besteht, dass dein Körper das neue Knochenmark nicht annimmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, liebt bei 25%. Sollte das eintreten, hast du noch ungefähr einen Monat zu leben. Dann wirst du an Leukemie sterben. Es tut mir leid, dass ich dir das jetzt so direkt sage, aber so ist es halt.“ „Moment mal?! Soll das heißen, es gibt eine Möglichkeit mein Leben zu retten – es kann aber sein, dass es nicht funktioniert und ich doch sterben muss?!“ Ich fühle mich gerade so verarscht. Die Ärzte denken auch, sie können mit meinem Leben spielen. Erst heißt es: „Hey...du wirst gesund...“ und jetzt „Ach übrigens, es kann sein, dass du doch stirbst.“ Verärgert sehe ich Dr. Heinze an. „Können Sie bitte meine Mutter anrufen?!“ Er nickt und verschwindet. Hier haben alle das Talent, aus einem guten Tag einen depressiven zu machen. Natürlich werde ich die Spende annehmen. Immerhin besteht eine 75%ige Heilungschance. Ich rege mich gerade viel mehr darüber auf, wie Dr. Heinze mir die Nachricht überbracht hat. Der Preis für den herzlosesten Arzt geht eindeutig an ihn.
„Ich will einfach keine roten, blauen und grünen Tabletten mehr sehen“, sage ich als ich wenig später in Mamas Armen liege. „Wirst du auch nicht. Du wirst gesund Anna. Und dann kommst du endlich mit mir nach Hause. Und ich verspreche dir, du musst nie wieder Tabletten sehen oder Desinfektionsmittel riechen.“ Ich kann an ihrer Stimme hören, dass ihr die Tränen kommen. „Du bist die beste Mutter der Welt!“ „Hör auf Anna, ich weine eh schon.“ „Nein! Das sage ich dir viel zu selten. Ich hab dich lieb. Sollte ich sterben, dann versprich mir, dass du glücklich weiterlebst, dass du später vielleicht nochmal eine Familie gründest...“ „Okay Anna. Ich verspreche es dir.“ Wir liegen uns noch Stunden in den Armen. Ich hoffe so sehr, dass das nicht unsere letzte Umarmung ist, sondern die, an die ich noch mein ganzes, hoffentlich sehr langes Leben denken werde.
Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist, wie ich gestern die ganze Nacht wach lag und überlegt habe, was passiert, wenn mein Körper die Spende annimmt und was, wenn nicht. Jetzt liege ich hier im Halbschlaf. Ich habe die Spende schon bekommen. Fühle ich mich irgendwie anders? Fühle ich mich gesund? Ich weiß es nicht. Ich bin nur müde. Doch eigentlich müsste jeden Moment Dr. Heinze kommen und mir entweder die gute oder die schlechte Nachricht überbringen. Muss ich weiterhin zwei rote, eine blaue und eine grüne Tablette nehmen?
 
© by Lisa Rohmeyer, Bremen (2016)
Keine Veröffentlichung oder Verwertung ohne ausdrückliche Genehmigung der Autorin.
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